Ich bin Eine von Euch!

05.06.2026

Saskia Verheyen-Šmahel
Saskia Verheyen-Šmahel

Mir ist es wichtig, heute ein paar Worte persönlich an Sie und Euch zu richten. Denn manch einer kennt mich näher, manch einer vielleicht nicht. Doch ich möchte Ihnen und Euch heute sagen, wie sehr ich mich freue, dass ich in den Kerkener Rat gewählt wurde. Die Tätigkeit macht mir Freude und die Begegnungen mit Kerkenern auf Kerkener Veranstaltungen beleben mich. Auch sehe ich schon nach kurzer Zeit, dass die Freien Bürgervertreter (FBV) Erfolg haben. Denn sie vermitteln zwischen den Fronten für eine gesunde Politik für Kerken. 

Wir schätzen es sehr, dass Kerken uns gewählt hat. Denn selbstverständlich wie bei den großen Parteien ist das nicht, dass wir nun im Rat vertreten sind und einfach war der Weg für uns auch nicht dorthin zu kommen. 

Doch wie kam es dazu, wenn doch zur Kommunalwahl im September 2025 unsere Ratsarbeit als Fraktion Freie Bürgervertreter enden und als Lebenserfahrung besiegelt werden sollte? Nun, als wir realisierten, dass doch bald „Ende“ ist, überkam es uns im Frühjahr 2025, und wir wollten es wenigstens versuchen, anzutreten. 

Während die Welt draußen tobte, gründeten wir den Verein „Freie Bürgervertreter Kerken e.V.“, kurz FBV. Wir holten uns die Unterlagen von der Gemeinde, begannen alles zu kopieren und auszufüllen – und das war nicht einfach. Die Bögen 11a und b bis 15a verfolgten mich im Schlaf, und ich weiß nicht mehr, wie oft ich meinen Namen geschrieben habe. Doch wir funktionierten einfach, suchten 13 Kandidaten, die für uns antraten, und führten Aufstellungsversammlungen durch. Und dann begann das große Sammeln: Fünf Unterstützungsunterschriften pro Wahlbezirk und elf für die Reserveliste waren nötig. Das sind zusammen 76 Unterschriften. Das musste doch zu schaffen sein, dachte ich – doch da rechnete ich nicht damit, dass auch Menschen unterschreiben würden, die keine Wahlerlaubnis haben. 

Der Sommer 2025 war heiß und aufregend für uns. Jede freie Minute fuhren wir mit dem Roller nach Aldekerk, Stenden und Rahm, bekamen Eintritt in Hausflure und Gärten, bei denen wir dachten: Mannomann, was man so alles machen kann. Wir saßen mit Unterstützerinnen und Unterstützern am Pool, holten die Leute von der Leiter beim Heckenschneiden und lernten die Besitzer von Karpfenteichen kennen. 

Und was soll ich sagen: Wir schwärmen für Kerken! Nirgends ist es so schön wie hier, und es ist doch bekannt, woher Schönheit kommt? Von innen! Wenn ein Ort also wirklich schön ist und gut tut, dann hat das auch mit den Bewohnern zu tun. 

Es gab so gut wie keine Absagen, und wenn es welche gab, dann kann ich heute die Begründung nachvollziehen. Doch alles musste schnell gehen. Die Zeit wurde immer knapper. Beim Plakate aufhängen dachten wir: „Was machen wir hier eigentlich? Schmeißen einen Haufen Geld zum Fenster raus und geben unsere Energie für etwas, von dem wir nicht wissen, wie es ausgehen wird?“ 

Einen Tag vor Abgabe haben wir die letzte Unterschrift einge-sammelt. Am Tag des Abgabetermins ging unsere Homepage online. 

Und dann kam der Wahlabend – der 14. September 2025. Die Ergebnisse kamen schleppend. Wir wollten gerade auf unsere Erfahrungen anstoßen, da schlug FBV doch noch auf. 

156 Stimmen aus Kerken – wow! 

Das sind auf jeden Fall mehr als die Unterstützungsunterschriften. In jede Ecke Kerkens sind wir nicht gekommen. Doch die Menschen haben scheinbar mitbekommen, dass es uns gibt. Das ist unser Anfang – ein Pflänzchen, das nun wachsen darf.

Und jetzt ist es, denke ich, an der Zeit, Ihnen und Euch zu sagen, warum ich Kerken meine Heimat nenne. 

Alles fing an mit einem Friseurmeister namens Johannes Verheijen, der als Geselle im Friseursalon Bonge in Aldekerk seine Dienste anbot und auf Aldekerks Straßen durch seine gute Laune und seinen niederrheinischen Humor den Ruf hatte: „Hans Verheijen kommt niemals allein.“ Er war beliebt und hatte viele Freunde. 

Die gebürtige Aldekerkerin Gerta war schon sehr verliebt. Neun Jahre wurde gefreit, 1941 wurde geheiratet. Doch der Krieg holte Johannes an die russische Grenze nach Narva, wo er am 15. März 1944 an einem Granatsplitter im Gehirn starb. Gerta erfuhr eine Woche vor der Geburt ihres einzigen Kindes aus dieser Ehe davon und musste am 6. April 1944 im Krankenhaus – dem heutigen Altenheim Aldekerk – gebären. Ohne Johannes wollte sie das Kind nicht bekommen. Und wenn Dr. Johnen und der Pastor nicht gut zugesprochen hätten mit dem Satz: „Frau, gib Dir kräftig Mühe – das Kind wird Dir noch viel Freude im Leben bringen“, dann hätte Gerta in ihrem Kummer vielleicht einen Weg gefunden, das Kind nicht zu bekommen. 

Und erst durch dieses Kind habe auch ich mein Leben heute hier, das ich sehr liebe. 

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden in diesem Satz ein aktuelles politisches Thema erkennen über das diskutiert wird. Ohne die Wertung meiner Selbst oder der freien Bürgervertreter hier einbringen zu wollen, gibt es einen Wert ganz im Stillen darüber nachzudenken. 

Kurz nach dem 1. Geburtstag meines Vaters war am 8. Mai 1945 der Krieg beendet. Gerta gab ihren Sohn abwechselnd zu ihren Freundinnen, die auch Kriegerwitwen waren – Tante Mietz, Agnes Lucassen und Käthe Wissmanns (unter Kerkenern bekannte Namen) – um in Lobberich – mit ihrem in Geldern von 1929 bis 1932 erlernten Beruf – nun als Gesellin im Textilfach Geld zu verdienen. Vor dem Krieg war geplant, einen Friseurladen in Kempen zu eröffnen. Alles war schon angepachtet. Doch ohne Friseurmeister mussten alte Wege wieder aufgenommen werden. Von ihren Eltern konnte sie keine Hilfe mehr bekommen. Ihr Vater war bereits 1932 verstorben, 1939 ihre Mutter. Gerta war das zehnte Kind der Aldekerker Kaufmannsfamilie Hufschmidt. 

Es gab kaum noch Männer in Kerken. Da war es ein wahres Wunder, dass der Dachdecker- und Bauklempnermeister für Kupferdächer Mathias ohne Kriegserfahrung geblieben war und ein Auge auf Gerta geworfen hatte. 

Der gemeinsame Weg ging von Aldekerk über Eyll nach Nieukerk, wo am Marktplatz 1952 das Textilgeschäft Huylmans eröffnet wurde, das fast 50 Jahre existierte. Eine tolle Familie, diese Familie Huylmans, denn sie hat das Verheyen-Kind so angenommen, als sei es das eigene. 

Gerta und Mathias fanden nach einem erfüllten Leben mit drei Söhnen und Selbstständigkeit ihre Ruhe auf dem Friedhof in Nieukerk. Johannes Verheijen wird für mich auf den Straßen von Aldekerk lebendig, wenn ich alte Fotos ansehe und seinen Namen auf den Gedenktafeln in der Aldekerker Kirche finde. 

Sein Grab befindet sich auf einem von der Kriegsgräberfürsorge gepflegten Soldatenfriedhof in Rakvere in Estland. Gerta hat ihr Leben lang gespendet, aber das Grab nicht mehr besucht.  Gestorben ist sie am Geburtstag von Johannes (28. Juli 1911 / 28. Juli 2001). Ich frage mich manchmal, ob das Zufall ist. Und die nächste Generation – einer unserer Söhne bekam 2024 auch noch die Möglichkeit über ein “Erasmus+”-Programm nach Estland zu reisen. Wieder Zufall? Dass genau sein Jahrgang der war, der diesen Austausch nach Estland wieder aufnahm? Er bekam sogar die Möglichkeit, am Grab von Johannes eine Kerze anzuzünden.

Und doch heißt mein elf Jahre jüngerer Bruder mit erstem Namen Mathias und mit zweitem Johannes. Denn Mathias war ein wunderbarer Vater für alle drei Söhne und ein liebender Ehemann. Etwas Besseres konnte Gerta nach dem Krieg nicht passieren.

Johannes war auf dem Foto wohl etwa 25 Jahre alt.
Johannes war auf dem Foto wohl etwa 25 Jahre alt.

Eine Geschichte, für die ich als Mädchen in jeden Ferien aus der Stadt, von der man sagt, dass es sie nicht gibt, zu Oma Nieukerk gereist bin. Ich kann Ihnen und Euch sagen: Es gibt Bielefeld – denn dort bin ich geboren und aufgewachsen, hatte eine wunderbare Kindheit und Jugend. Doch es zog mich immer nach Kerken.

Hier tragen mich drei Familiennamen.

Im Textilgeschäft Huylmans von Gerta, oder auch Oma Nieukerk, wurde Geschichte lebendig. Ich war nicht nur ihr Enkelkind, sondern auch ihre beste Freundin, weil ich in dem Winter geboren wurde, als Mathias im Sommer zuvor verstorben war. So habe ich zwar beide Männer nicht kennengelernt, doch sie leben in mir, weil Gerta mir von ihnen erzählt hat.

Als Jugendliche habe ich einmal gesagt: „Oma – Dein Haus möchte ich mal haben“ … und so kam es auch. Heute ist das Haus am Webermarkt 4 nicht nur unser Zuhause, sondern auch bekannt als „Zwiebelturm Gästehaus“ mit acht Zimmern zur Übernachtung.

Das Textilgeschäft existierte von 1952 bis 2001.
Das Textilgeschäft existierte von 1952 bis 2001.

Seit 2002 wohnen wir in dem Haus und seit 2007 betreiben wir den „Zwiebelturm“. 

Über gesellschaftspolitische Themen denken wir alle unterschiedlich, und jeder soll frei sein in seinen Gedanken. Doch ich hoffe, dass einige Kerkener Frauen wenigstens meine Meinung teilen und wir dafür Sorge tragen, dass Kerkens Männer niemals mehr gegen russische Männer oder gegen Männer irgendeiner anderen Nationalität in den Krieg ziehen.

Denn beide Seiten – die russische und die deutsche – haben bei den Schlachten in Narva verloren, und die Frauen aus der Heimat erst recht. Das ist ein Grund, warum mir Politik für und in Kerken nicht egal und Frieden so wichtig ist. 

Doch Frieden kommt nicht ohne Mut, und ohne Mut gibt es keinen Frieden. Deswegen wird es nun noch einmal kurz politisch, und ich erzähle von einem Traum, den ich immer und immer wieder träume: Ich träume, dass wir die Ukraine-Flagge vor dem Rathaus abnehmen und eine neutrale, weiße Flagge hissen. 

Doch wenn ich in der Tagespresse die doch sehr attraktive Frau Klöckner sehe, die Herrn Selenskyj besucht und sagt: „Wir bleiben an Ihrer Seite“, rückt mein Traum in die Ferne. 90 Milliarden Euro gibt Deutschland für Waffen erneut in die Ukraine, um Menschenleben zu vernichten. Und jetzt bitte ich vorab um Verzeihung, wenn ich nun sage, dass sich bei Herrn Selenskyj mein Inneres krampft. Die Geschmäcker sind doch sehr unterschiedlich. Doch für mich gibt es attraktivere Männer und ich denke es wäre gesünder für Frau Klöckner und für unser Deutschland, wenn sie dieser Umarmung wiedersagen könnte. 

Doch vielleicht unterstützt mich Kerken irgendwann… und der Traum wird doch noch wahr. Bitte vergessen Sie nicht / vergesst nicht, mir Bescheid zu sagen, wenn unsere Bürgermeisterin den Kerkenern und ganz besonders mir diesen Traum erfüllt.  Ich möchte unbedingt dabei sein und auch nie aufhören zu träumen! Denn wenn wir alle Flaggen von Ländern hissen würden, in denen Krieg ist, bräuchten wir mehr als drei Masten. Nichts wird sich ändern, wenn wir es selbst nicht ändern (Zitat Jan Werich, 1905–1980, tschechischer Schauspieler, dem im Kommunismus unter anderem wegen dieses Satzes ein Bühnenverbot erteilt wurde). 

Wir als Bürger würden mit der Beflaggung ein Zeichen setzen – nämlich, dass wir uns nicht Herrn Selenskyj um den Hals werfen und nicht das machen, was die große Politik von uns verlangt. Wir würden zeigen, dass wir Kerken sind – mit ganz eigenem Gesicht – und dass nichts anderes als Frieden, Ausgeglichenheit und ein positiver Blick in die Zukunft aus uns kommt! 

So kann Kerkens Friedenswunsch und positive Ausrichtung energetisch die Welt anstecken, und wir können für Frieden und Zusammenhalt in unseren Familien, in Kerken und in der Welt stehen – für den Frieden in der Ukraine oder zwischen Russland und der Ukraine – und Mitgefühl mit den leidenden Menschen in Kriegsgebieten auf der ganzen Welt haben. 

Und liebe Jugend: Lasst Euch die Geschichten aus Euren Familien erzählen, damit sie nicht unerzählt bleiben und Ihr immer wisst, was in Eurer Heimat passiert ist und wofür Ihr leben wollt. Denn das, was Ihr und wir hier in Kerken leben wollen ist Gemeinschaft. Das Leben in unseren Nachbarschaften und Vereinen bringt Zusammenhalt, Spaß, Ausgeglichenheit und Verantwortungsbewusstsein für unsere Gemeinde. 

…und im Übrigen werde ich seitdem ich Ratsmitglied bin, immer wieder zu Veranstaltungen eingeladen, bei denen ich am Tisch der „Ehrengäste“ Platz nehmen soll. Beim ersten Mal war ich doch wirklich schüchtern und fühlte mich dort fehl am Platz, nicht wegen der Gesellschaft um mich herum, sondern wegen des Reservierungsschildes. Ich fühlte mich noch nie als Ehrengast, sondern als „eine von Euch“ und verspüre eine tiefe innere Freude, mich für unsere schöne Gemeinde Kerken einsetzen zu dürfen. Ich bedanke mich fürs Lesen in der Hoffnung, dass ich Sie und Euch inspirieren konnte für ein friedvolles, aufgeschlossenes, lebendiges Kerken.

Saskia Verheyen-Šmahel 

für die Wählergemeinschaft Freie Bürgervertreter Kerken e.V.

Cookiehinweis

Notwendige Cookies werden immer geladen